Der verlorene, wilde Zwilling

Die folgenden Zeilen habe ich bei Martin Shaw gelesen, ein phantastischer Poet und Mythologe: 

Am Tag deiner Geburt wirst du zusammen mit einem Zwilling geboren. Doch dieser Zwilling wurde aus dem Fenster geworfen. Er oder sie musste sich alleine, in einem entfernten, wilden Teil der Welt durchs Leben schlagen. Es ist ein Wesen, welches in seinem ganzen Körper Sehnsucht nach dir verspürt. Und auch du hast eine Erinnerung an diese Verbindung. Und auf deiner Suche nach dir, auf deinem Weg nach Hause, geht es darum, diesen wilden Zwilling zu suchen, ihn zu befreunden und wieder in seiner Gegenwart zu leben.  

Hier ist die praktische Seite dieser Geschichte.
Es ist eine Exkursion zum Thema Ohnmacht, 
Selbstsabotage und Hemmungslosigkeit: 
 

Phase eins: Als kleine Kinder sind wir in unserem Ausdruck ungebremst und beherzt. Wir geben all unsere Liebe, Begeisterung, unsere Sicht und Intuition mit in die Dinge, die wir malen, basteln, singen, sagen….

Nun leben wir ja leider nicht in erleuchteten Gesellschaften, sondern mit Eltern und Lehrern, die selber ziemlich zurechtgestutzt wurden und oft die Suche nach ihrem wilden Zwilling gar nicht angefangen oder auch aufgegeben haben. Und die geben diese Erfahrung, ihren Schmerz und die verinnerlichten Spielregeln der Gesellschaft an uns weiter. Das Problem ist, dass wir das als Kinder nicht erkennen und unterscheiden können. Wir können nicht analysieren und sagen: «Ah, meine Mutter hat selber jede Menge kreative Wunden. Mit ihrer Kritik versucht sie mich passend zu machen für eine verrückte Welt. Das hat nichts mit meiner Kreativität zu tun»

Mit unserem tiefen, beseelten Ausdruck zurückgewiesen zu werden, das ist nicht nur schmerzlich, sondern auch beschämend. (Das ist der Unterschied zwischen Schuld und Scham: Schuld bedeutet: Das was ich gemacht habe, war nicht so toll. Scham bedeutet: ich selber bin nicht gut genug)

Wenn unsere Bilder, Lieder, Gedichte, Entdeckungen und Ideen lächerlich gemacht oder ignoriert wurden, gehen wir davon aus, dass wir selber nicht richtig und mangelhaft sind, denn in unserem Ausdruck war unser ganzes Herz und unsere ganze Liebe.

So lernen wir unserem Herzen Zügel anzulegen. Wir passen uns an und wir halten den Ball flach. An dem Punkt fliegt also der Zwilling aus dem Fenster. Und wir entwickeln ein Set an Überzeugungen darüber, wer wir sind. Zu dumm, zu klein, zu langsam, zu viel, zu laut, zu verwirrt…. Es muss an uns liegen, etwas in uns stimmt nicht, sonst würde unsere Umwelt nicht so reagieren. 

Phase zwei. Diese inneren Überzeugungen sind Ausdruck einer schmerzlichen Ohnmacht. Denn wenn unsere ganze Liebe und Begeisterung es nicht schaffen, Resonanz im Aussen herzustellen, was könnte es dann? Wer wir wirklich sind – wenn wir unserer eigenen Energie vertrauen und folgen – das scheint edenfalls kein Erfolgsrezept zu sein.

An dem Punkt entwickelt sich unsere Persönlichkeit. Wir lernen zu performen, die Dinge zu tun und zu sagen, die man so sagt und tut. Das hilft uns zu funktionieren, die notwendige Zugehörigkeit herzustellen und die traumatische Erfahrung zu maskieren. Wir brauchen diese Persönlichkeit, um in der Welt unserer Kindheit und ihrer sozialen Systeme zu überleben. 

Wir vergessen mehr und mehr, wer wir wirklich sind. Wir glauben unseren Ängsten, inneren Tempolimits, Strategien, neuen Werten, Widerstände, Vorlieben und verinnerlichten Spielregeln. Unsere Persönlichkeit wird zu unserer neuen Identität. Das ist unsere bewusste Vorstellung davon, wer wir sind. Wir beziehen unseren Wert und Selbstwert daraus, wie gut wir performen können. 

Doch in entfernten Winkeln unseren Herzens gibt es eine leise Erinnerung, einen Verlust, den wir lange nicht genau benennen können. Unsere Sehnsucht zieht uns in all unsere Ausbildungen, zu Satsangs und in Buchläden. Das funktioniert ganz gut, so lange der Status Quo nicht verändert wird, weil es ein Wochenend-Vergnügen ist, ein erfolgloses Hobby-Business oder eine endlose Abfolge von Ausbildungen.

In dem Moment, wo es darum geht, wirklich unsere ganz eigene Stimme zu finden und sichtbar zu werden, geraten wir in ein enormes Spannungsfeld zwischen dem Gefühl verrückt zu werden, wenn wir nicht endlich «raus» kommen und unserer Angst, direkt damit in den Untergang zu steuern.

Es ist erstaunlich schwer, aus diesen Identitäten wieder herauszuwachsen. Wir verteidigen diese Persönlichkeit ziemlich vehement. Wir sind so überzeugt, dass das die Wahrheit ist und dass wir untergehen werden, wenn wir nicht daran festhalten. Unsere Persönlichkeit ist unser VIP Ticket fürs Leben und um dazuzugehören. Aber natürlich haben wir eine innere Sehnsucht nach unserem wilden Zwilling in uns. Doch die Angst davor, auf der Parkbank zu enden, hält uns ziemlich lange auf der scheinbar sicheren Spur. Mit der Version von uns selbst kommen wir hier nicht zurecht.

Wir wollen zurück an diesen Ort von Wahrheit, Freiheit, innerer Verbundenheit und einer guten «Hemmungs»-losigkeit. Wir wollen wieder mit unserem ganzen Herz arbeiten. Das bringt natürlich unsere Ängste in Lichtgeschwindigkeit nach oben. Denn genau damit haben wir uns früher einen mächtigen Schiefer eingezogen.

So lange wir diese Dynamik nicht erkennen, sind wir ziemlich anfällig dafür, eine Ausbildung nach der nächsten zu machen. Weil wir damit thematisch am Ball bleiben können, total beschäftigt sind aber kein Risiko eingehen müssen. Oder wir zweifeln endlos an unserer Berufung. Wir sind überzeugt, dass sich unsere Berufung anders, mutiger und fokussierter anfühlen müsste. Deshalb empfehle ich immer, zuerst in die Tiefe und den freien Ausdruck zu tauchen, anstatt eine weitere Runde der Neuerfindung zu machen.

Performance ist oft ein Deal in dem wir uns unglaublich anstrengen und überhaupt nicht glauben können, dass diese Anstrengung uns wirklich irgendwo hin bringen kann. Performance sitzt nicht an der eigenen Quelle. Performance hat wenig Toleranz mit den eigenen Schwächen aber auch nicht mit unseren wahren Stärken. Performance ist ziemlich viel Verteidigung.... 

  1. der hemmungslose kreative Ausdruck, der unsere ganze Liebe enthält
  2. Ablehnung, Beschämung, Ignorieren unseres Ausdrucks. Wir interpretieren das als "ich mit meiner Begeisterung, meiner Wahrnehmung und Liebe bin nicht gut genug."
  3. die kreative Wunde - die als eine Summe von Glaubenssätzen in unserem System eitern. Ich bin zu doof, zu dick, zu unbegabt, ich gehöre nicht dazu, ich bin zu viel, zu laut, zu kompliziert, ich kann meiner Wahrnehmung nicht vertrauen. 
  4. Wir wollen uns weder mit der kreativen Wunde zeigen noch mit den ätzenden Glaubenssätzen. Wir lernen zu performen. Wir entwickeln eine Persönlichkeit - mit der wir uns durch die Welt bewegen.  

Hier habe ich ein paar Anregungen für dich, 
wie du dir mit dem Thema mehr auf die Schliche kommst: 

Deine Überzeugungen und Speedlimits testen:

Wir reagieren angepisst, wenn jemand unsere Identität in Frage stellt. Um die ein Beispiel zu geben: Jemand steckt noch tief in der Vorstellung, ein Opfer zu sein und grundsätzlich ungerecht behandelt zu werden.

Wenn wir nun darauf hinweisen, dass diese Person ja Zugang zu Ressourcen hat, dass sie die Kraft hat, andere Entscheidungen zu treffen und neue Wege zu gehen - dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir damit kein grosses Hurra auslösen.

Eher ein gekränkt sein, weil wir nicht verstehen, wie schwer es ist. Der Hinweis auf das Potential wird als Bedrohung erlebt. Wir mögen es auch nicht so gerne, wenn andere sich erlauben, was wir uns noch nicht trauen. Hier sind ein paar Fragen, welche die Dynamik spürbar machen können

Wer treibt dich auf die Palme, auf wen bist du neidisch? Schau dich in deiner Branche um. Was tun die, was du dir nicht erlaubst? Was genau wertest du daran ab? Und was wäre, wenn du mehr davon in deinem eigenen Business integrieren würdest? Nimm dein "Erz-Neid-Objekt" und mach Listen.....(Hallo lieber Veit Lindau. Du drückst manchmal ganz schön meine Knöpfe. Wenn ich ehrlich bin, liegt das vor allem daran, dass ich selber auch gerne öfters, ungeschminkter und mutiger auf die Bühne gehen will. Drück weiter!)

Stell dir vor, eines deiner Vorbilder sitzt dir gegenüber und sagt dir: «Hey, du kannst das! Komm, mach!» Wie reagierst du darauf? Welche Gedanken und Gefühle ploppen nach 3 Sekunden nach oben? Was soll dieser Mensch über dich verstehen und wissen? (Wir reagieren angepisst, wenn jemand unsere Identität in Frage stellt. Vor allem, wenn jemand nicht glaubt, dass wir so ohnmächtig sind, wie wir gerne glauben wollen). Der Schweinehund in uns will definitiv nicht entlarvt werden.

 

Deinen wilden Zwilling treffen.

Wenn du schon ein bisschen mit mir gearbeitet hast, weisst du vermutlich, dass ich ziemlich viele Dinge für einen inneren Dialog auf 2 Stühle setze. Also hol 2 Sessel, stelle die mit 2 Metern Abstand gegenüber. In einem sitzt du mit deiner Performance-Persönlichkeit, im anderen sitzt dein wilder Zwilling. Wechsle die Positionen und lass dich laut aussprechen, wie du dich an dem Ort fühlst. Was du vom anderen wissen willst. Was schon lange mal gesagt werden wollte. Lass die beiden miteinander plaudern. Am Schluss bedanke dich und frag deinen wilden Zwilling, wie sie oder er gerne in dein Leben integriert werden wollen. 

 

Wenn du magst, lass mich wissen, was du mit diesen Übungen erlebt hast und wie es dir mit deiner hemmungslosen Energie geht. Ich wünsche dir Freude auf deinen Wegen und den Mut, für die Dinge zu gehen, die du wirklich liebst. 

 

Herzlich Katharina