Innere Schallmauern und Tempolimits

Eine Geschichte über Power und Freiheit

Solche Sätze höre ich immer wieder in Gesprächen mit Kundinnen und Freunden:

"Ja, genau so arbeite ich mit meiner Intuition....aber wenn ich das meinen Kunden sage, glauben die, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank hab"
" Ich werde mein Leben vereinfachen und mein Auto aufgeben .... aber meine Kollegen werden denken, ich bin auf dem absteigenden Ast."
"Das sind die Menschen, mit denen mir mein Business wirklich Spass macht - aber dann verliere ich ja all die anderen, denen ich auch helfen könnte."

Heute möchte ich über innere Schallmauern schreiben, die ich an mir, an Kunden und Freunden beobachte, wenn es darum geht, klarer zu werden mit unseren Projekten, unseren Träumen und dem, was wir uns unter Berufung vorstellen. 

Die Schallmauer taucht so sicher wie das Amen in der Kirche in dem Moment auf, wo wir uns ungeschminkter, wesentlicher und mutiger auf den Punkt bringen und … planen, das aussen sichtbar zu machen.

Beispiel: In einer Session für ein neues Projekt fanden wir einen wunderbaren Slogan, der in einem Satz zusammenfasst, was den Kunden für ihr neues Business wirklich wichtig ist und mit welchen Menschen sie gerne arbeiten wollen. Spürbare Freude machte sich breit. Energie dehnt sich in so einem Moment aus, der Körper entspannt…. Dann nach 5 Sekunden begann die Schallmauer zu wirken: «Aber würde dann mein Bruder noch bei uns buchen, wenn ich das sage?». Der Gedanke wirkt wie ein Gummiband, das die neue Klarheitruck zuck wieder wegschnippt.  

Komfortzonen und Schallmauern

Wir bewegen uns gerne in unserer Komfortzone, in der wir relativ angstfrei unterwegs sein können. Wir leben so, dass unser Pulsschlag nicht zu hochgeht. Dennoch ist unsere Komfortzone kein Ort von Klarheit, sondern von Zugehörigkeit und scheinbarer Sicherheit. Wir treffen unsere Entscheidungen so, dass wir es möglichst vielen recht machen und keinem auf die Füsse treten. Wir pendeln immer hin- und her zwischen Momenten von Klarheit und Fokus und dem Gefühl, dass das ja doch nicht geht.  

Rund um unsere Komfortzone gibt es eine Grenze. An dieser Grenze stehen unsere inneren Wächter.

Das sind innere Stimmen und Autoritätsfiguren, die unsere Erfahrungen, Ängste und Spielregeln darstellen, mit denen wir aufgewachsen sind. Es können reale Menschen sein, deren Meinung uns bewusst oder unbewusst sehr wichtig ist. Es kann ein spiritueller Lehrer sein, den oder die wir sehr verehren.  Dabei spielt es keine Rolle, ob wir mit diesen Menschen real im Kontakt sind, ob sie noch leben oder ob wir sie überhaupt mögen.

Es spielt nicht mal eine Rolle, ob wir diese inneren Regeln mit unserem Verstand gut finden. Wenn wir uns Spielregeln beugen, die wir nicht gut finden, sagen wir Sachen wie: «Ich würde ja gerne, aber ich kann ja nicht, weil…»   

Und natürlich erleben wir innere Verwirrung und Frust, weil wir zwei Dinge gleichzeitig wollen, die nicht gut zusammenpassen: Wir wollen unser Ding tun, frei und mutig sein und ebenso Anerkennung von unseren inneren Autoritären finden.

 

Wächter an der Schallmauer 1

 

Jedes Thema hat seine eigene Schallmauer und seine eigenen inneren Wächter.

Du kannst die das als Reise vorstellen welche dich von einem angepassten Zustand an einen Ort von persönlicher Freiheit und Power führt. Auf diesem Weg gehen wir unvermeidlich durch unsere Schallmauer und begegnen unseren inneren Wächtern, die versuchen, uns im vertrauten Format zu halten.  

Kürzlich habe ich eine grössere finanzielle Entscheidung getroffen und in der Zeit, in der ich mit dem Thema gerungen habe, hab ich ziemlich oft von meinem Ex geträumt. Wir haben lange zusammengearbeitet, haben seit ewigen Zeiten keinen Kontakt mehr. Ich weiss, dass es mir lange wichtig war, mir und ihm zu beweisen, dass ich auch alleine gut bin. Ich dachte, dass ich über das Thema längst hinausgewachsen bin....- aber seine Energie ist wohl immer noch eine innere Instanz an der ich bestimmte Entscheidungen messe.

Über meinen Anfang ans Bloggerin habe ich schon berichetet. Damals schrieb ich über das Thema Frausein, Gewicht und Bodyimage. Ich wollte über Themen schreiben, die mich wirklich bewegt haben und Erfahrungen, die ich gemacht habe. Doch das führte natürlich schnurstracks zu meiner Familie und zu meiner Mutter, die für dieses Thema meine innere Instanz war. Das hat mich mit drei Hürden konfrontiert:

  • Was werden die Menschen, die ich kenne, die ich liebe oder mit denen ich arbeite über mich denken? Womöglich sowas wie «Das hätte ich nie von der gedacht. Dass die über sowas öffentlich reden muss, wäre es nicht schlauer, für so was eine Therapeutin nehmen…?»
  • Dann habe ich mich gefragt, was zum Beispiel mein Treuhänder von mir denken wird, oder mein Bänker? In einem Land, in dem Diskretion alles ist...
  • Aber die grösste Herausforderung war, dass ich meine Blogs als Verrat an meiner Familie und ihren Spielregeln empfand. 1: «Über so was spricht man doch nicht öffentlich mit Menschen, die man nicht kennt. Das geht die doch gar nichts an.» und 2: «Das bildest du dir alles nur ein. So war das doch gar nicht. Du warst immer schon so empfindlich.»

Als ich anfing öffentlich zu schreiben, bin ich innerlich ziemlich durchs Unterholz gegangen. Und wäre nicht überrascht gewesen, wenn mich ein göttlicher Blitzstrahl niedergestreckt hätte. Doch dranbleiben und weiterschreiben hat mir sehr geholfen, durch meine Schallmauer zu kommen und stärker zu werden als meine Ängste. 

Wenn es um das Thema Geld geht, stehen wir anderen Wächtern Figuren gegenüber als wenn wir uns mit dem Thema Beziehung, Kindern, oder Erleuchtung beschäftigen. Die inneren Wächter kommentieren unsere Entscheidungen, kritisieren, bewerten oder verbieten. Sie können die Form annehmen von 

  • unseren Familie, Partner, Lehrer und Chefs
  • dem lieben Gott sowie alle inneren Meister, Gurus.
  • allgemeineren inneren Stimmen, die nicht mit Personen verbunden sind und sich Meinungen und Urteilen äussern: z.B. « Was glaubst du eigentlich, wer du bist…».

Das spannende daran ist, dass unsere inneren Wächter mit den realen Menschen nicht viel zu tun haben. Oft wissen die realen Menschen gar nichts von unserem Ringen. Es sind Vorstellungen, Proektionen und Vorschriften, die wir übernommen haben. Es sind die Teile in uns, mit denen wir uns selber beurteilen, zurückhalten oder in eine Richtung anspornen, in die wir gar nicht wirklich hinwollen. Mit unseren inneren Wächtern führen wir in Gedanken (begrenzende) Dialoge, entweder, weil wir sie auf einen Sockel stellen, weil wir ihnen etwas beweisen wollen oder weil wie gegen sie kämpfen.  

Natürlich gibt es innere Figuren, die unterstützend sind. Unsere innere Diva zum Beispiel, unser innerer Coach, liebevolle Dialoge mit Engeln, Geistführern, Ahnen oder unserem unserem höheren Selbst….

Wichtig ist: es macht überhaupt keinen Sinn, mit den realen äusseren Menschen in einen Disput zu gehen: "du solltest mich mehr unterstützen, nicht so von mir denken...." Das wirkliche Drama besteht darin, dass ein Teil von uns selber so denkt. Das ist auch der erste und wichtigste Aspekt, mit dem wir arbeiten können.  

Die Berufungsfalle:

Ein besseres Verständnis über die Schallmauer und ihre Wächter hilft uns auch, der Berufungsfalle zu entgehen. Es ist ziemlich verführerisch, jede Form von Unsicherheit und Herausforderung darauf zu schieben, dass wir unsere wahre Aufgabe noch nicht so recht gefunden haben. Wir wünschen uns etwas, das sich anfühlt wie der Stern/ Komet über Betlehem der uns zeigt: hier geht’s lang. Und stellen uns vor, dass wir dann angstfrei unser Ding tun werden. Manche Türen gehen nicht auf, weil sie nicht für uns gemacht sind. Aber manche Türen gehen nicht auf, weil wir uns nicht trauen, die Klinke runterzudrücken. 

Das Problem ist nicht, dass wir nicht wissen wer wir sind, oder was uns als nächstes neugierig macht, oder was uns heilig ist.

Das was wir als Unklarheit erleben und als endlose Suche nach unserer Berufung ist meist unser eigener innerer Lärm der Wächter, der losgeht, wenn wir uns der Schallmauer nähern.

Der Schallmauer kommen wir sofort nahe, wenn es an die Umsetzung geht. Auf dem Sofa und in Seminaren können wir die besten Visionen haben. Aber wenn es darum geht, Konsequenzen daraus zu ziehen, hören wir all die inneren Warnstimmen, die uns erzählen, dass wir so direkt in den Untergang steuern.

Das wonach wir also eigentlich suchen in Bezug auf unsere Berufung ist Sicherheit, Angstfreiheit und dass die blöden Stimmen, die uns ständig bewerten, die Klappe halten oder plötzlich in Bravo-Rufe ausbrechen. Leider gibt es das so nicht. Die Schallmauer ist definitiv ein Ort von viel Getöse.

Hier ist ein Tipp, wie du mit den Wächtern kreativer umgehen kannst: Je lauter deine Stimmen werden, desto näher bist du deiner Schallmauer und desto heisser ist die Spur. Es ist ein bisschen wie beim Topfschlagen. Je näher du dem Topf kommst, desto mehr Lärm gibt’s.  

Embodyment - Verkörperung ist der Schlüssel

Wir ringen also meistens gar nicht um unsere Berufung, sondern mit unserer Angst, wirklich zu verkörpern wer wir sind. Ohne den Bauch einzuziehen. Wir fühlen uns noch nicht klar genug. Doch Klarheit ist also ein Prozess, der damit zu tun hat, dass wir üben, unseren Wächtern standzuhalten und den Emotionen, die nach oben kommen, wenn wir die Schallmauer erkunden. Solange die uns die Wächter zu Kleinholz machen, können wir gar nicht klarsehen.

Klarheit hat also viel mit Umsetzung zu tun, erst im Ausprobieren, Dranbleiben und Erforschen kann sich der innere Lärm langsam legen. Im Experimentieren und Umsetzen lernen wir sichtbar zu verkörpern, worüber wir so gerne nachdenken und reden.

Es ist nicht möglich, dass wir unsere Berufung finden, wenn wir nicht die Stärke entwickelt haben, mit unserer inneren Schallmauer umzugehen... das heisst, anfangen, die Dinge zu sagen und zu tun, die wesentlich und wahr für uns sind. Selbst wenn es nur in dem Moment ist. Und Nein sagen zu Sachen, die wir aus reinem Bedürfnis nach Zugehörigkeit tun.

Es ist übrigens normal, dass wir am Anfang erst mal einen emotionalen Kater haben, wenn wir in der Zone unserer Schallmauer sind und uns fragen: «Hab ich das jetzt echt gesagt, geschrieben, veröffentlicht…?»

 

Verkörperung – Embodyment braucht also

  • Bewegung, experimentieren, Kostproben nehmen vom neuen Leben...
  • Ein Loslassen unserer Vorstellungen von Anerkennung, von Rache, von Beweisen und davon, von bestimmten Menschen auf eine bestimmte Art und Weise gesehen zu werden.  
  • uns selber mehr und mehr zu vertrauen und ernst zu nehmen. Es ist eine Zeit, in der wir uns aus Glaubenssätzen lösen und gewohnte Identitäten hinter uns lassen.
  • Mut zur Verletzlichkeit. Denn wenn wir zeigen, wer wir wirklich sind, tut Ablehnung oder Misserfolg viel mehr weh, als wenn wir eine Rolle spielen. «Wenn du wüsstest, wer ich wirklich bin…» funktioniert nicht dann nicht mehr so gut.
  • ein immer tieferes Einverständnis mit der Frau die wir sind. So wie wir sind. Mit allen Ecken und Kanten.

 

Willst du deine eigenen Wächter kennenlernen?

Nimm ein Projekt, das dich beschäftigt. Eine Reise, ein Buch, das du schreiben willst, eine Neuausrichtung deines Business.
Ich möchte gerne _____________tun.

Und dann schau, welche Menschen spontan auf deinem inneren Bildschirm auftauchen und mit dem Satz verbunden sind: Aber was würde dann die oder der von mir denken?

Vielleicht sind es auch nur Sätze die sofort nach oben ploppen – ohne dass es dazu eine Person gibt.

 

Das sind die drei typischen Beziehungsmuster, die wir mit unseren inneren Autoritäten haben:  

  • Wir wollen Respekt und Anerkennung, vor allem bei Menschen, die wir auf ein Podest stellen (ich kann doch nicht meinen Papa, den lieben Gott, meine Lehrerin enttäuschen…)
  • Einen Beweis antreten «Guck mal, das hättest du nicht gedacht, oder?» wir tun das vor allem Menschen gegenüber, die uns abgewertet haben oder nicht an uns geglaubt haben.
  • Den inneren Stinkefinger nach oben heben: «Ich mach garantiert nichts, was du gut findest». Das machen wir mit Menschen, mit denen wir in einem Autoritätskonflikt liegen.

Was allen drei Mustern gemeinsam ist – unser Fokus ist nicht bei uns selber, sondern bei anderen. Selbst wenn es innere Anteile sind. 

 

Übung: Nimm die folgenden Fragen und schau, welche Menschen dir zu deinem Business und zu deiner Arbeit ganz spontan in den Sinn kommen? (ohne Grübeln)

  • Wem möchtest du mit deiner Arbeit beweisen, dass du gut genug bist?
  • Wer könnte deine Business-Ideen verschroben, zu esoterisch, zu unrealistisch finden?
  • Bei wem hast du Angst, dass eure Beziehung sich verändert, wenn du zeigst, wer du wirklich bist?
  • Wen könntest du als Kunden verlieren?

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Dann stell dir vor, dass du dich und jeweils eine Person/Energie deiner Liste gegenüberstellst. Du kannst auch 2 Stühle dafür nehmen. Auf den einen setzt du dich, auf den anderen setzt du deine innere Autoritätsfigur. Das kann auch der liebe Gott sein, ein spiritueller Lehrer, ein Ex, oder einfach nur ein bestimmter Satz.

Wichtig dabei ist, dass es nicht um die reale Person geht, sondern um dein inneres Bild von diesem Menschen, dieser Energie. Es ist sozusagen der Anteil in dir, der dich selber so sieht. Dein innerer Ex, deine innere Mutter, dein innerer Steuerberater, deine inneren potentiellen Kunden…

Dann lass dich folgende Fragen beantworten. Du kannst dabei deine Position zwischen den beiden Stühlen hin- und herwechseln.

  • Ich habe Angst, dass du folgendes von mir denkst…………………
  • Wenn ich mir vorstelle, dass du so von mir denkst, fühle ich mich….
  • Ich hätte gerne, dass du mich so siehst…………………………
  • Das tue ich alles, damit du mich so siehst…………….
  • Das sind die Dinge, die ich unterlasse, damit ich deine Anerkennung bekomme……

Dieser Dialog ist meist ein echter Augenöffner. Es kann sein, dass eine Figur auch verschiedene Lagen hat. Dass du zum Beispiel spürst, dass hinter deinem Chef auch dein Vater steht…

 

Der Schritt in die Freiheit

Unsere Wächter sind nicht irgendwelche bösen Menschen oder böse Energien, die wir bekämpfen müssen. Sie halten uns zwar in Schach, aber so lange wir nicht erkennen, dass wir  sie gerne in dieser Funktion haben, ist es schwer, uns davon zu lösen. Sie haben eine Funktion, die für uns wichtig ist. Zum Beispiel, weil wir Angst haben vor dem Unbekannten. Oder weil wir Angst haben, zu versagen. Du kannst das mit folgenden Fragen erforschen:

  • Wenn ich dich, meine Erwartungen und meine Vorstellung von dir loslasse, fühle ich mich.......
  • Darum brauche ich dir neben mir….........darum vertraue ich deiner Meinung so sehr (auch wenn sie mir nicht gefällt)

Am Schluss bedanke dich für die Informationen. Dann schau, was für dich stimmig ist um dich von diesem inneren Begleiter zu verabschieden. Es könnte folgender Satz sein: "Danke für deine Begleitung… nun ist es an der Zeit, dass du deine Beraterfunktion niederlegst und deinen eigenen Vorhaben und Träumen folgst und ich den meinen.

In Zukunft werde ich mich daran erinnern, dass dein Auftauchen ein Zeichen dafür ist, dass ich nahe meiner Schallmauer bin. Das ist ein gutes Zeichen. Dort beginnt Veränderung. Dort ist eine Türe, die auf eine grössere Umlaufbahn führt. Danke, dass du mich daran erinnerst."