Rasierst du dich im Business

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Rasierst du dich in deinem Business?

Bald geht meine Reisezeit zu Ende und Anfang Mai bin ich wieder in der Schweiz. Für den Moment bin ich nochmals zurückgekehrt nach Bali. Hier wohne ich gerade in einem kleinen Strandhaus, welches 10 Meter entfernt vom Meer ist. Die Wellen branden so intensiv and die Küstenmauer, dass das Haus zum wackeln anfängt, wenn die Flut einsetzt. In der ersten Nacht stand ich senkrecht im Bett beim ersten Rumpler und war überzeugt, wir hätten ein Erdbeben. Dann habe ich kurz überlegt, ob ich es wohl schaffen würde, bei einem nachfolgenden Tsunami auf eine der Kokospalmen zu klettern. Die Idee musste ich bei allem Optimus leider verwerfen.  

Immer wieder staune ich, wie sehr sich mein Leben in den letzten Jahren verändert hat. Auf eine Art und Weise, die ich mir früher nicht hätte vorstellen können, weil ich dazu noch nicht bereit war. Lange war ich in einem kleinen Revier meines Lebens unterwegs. Grad so gross wie es mir mein innerer Kritiker erlaubt hat. 

Draussen in der grossen weiten Welt habe ich jede Menge Dinge gesehen, die ich toll fand, von denen ich aber nie auf die Idee kam, dass es etwas für mich sein könnte. Zwischen einer Prinzessin in der Kutsche und einer Frau, die mehrere Jahre durch die Welt reist, gab es keinen grossen Unterschied für mich, was die Machbarkeit betraf. Beides war jenseits des Monds für mich.

Das war was für coole Leute. Für Künstlerinnen, für die Leute mir einem unglaublichen Talent, mit Gazellenbeinen oder einem reichen Elternhaus. Aber nicht für Frauen wie mich. Ich guck nicht mal mit Aviator-Sonnenbrille oder Gucci - Handtasche lässig aus. Ich war immer mollig. Die witzigen Bemerkungen fallen mir frühestens 5 Stunden nach einer Begegnung ein. Und alle Lebensmittel, die besonders gut färben landen mit Vorliebe auf meinem grossen Busen. Besonders dann, wenn ich etwas Weisses anhabe. 

Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass ich ein freieres und unbeschwerteres Leben führen könnte. Und dabei rede ich nicht von Geld, sondern von der inneren Freiheit, wirklich meinem eigenen Rhythmus zu vertrauen und Träume zu haben, die nicht nur mit Anstrengung zu tun haben.  

Meine verwegenen Ideen habe ich deshalb auf die nächste Inkarnation verschoben. Die war jedoch zunehmend schon ganz schön verplant. Zuoberst auf meiner Liste standen Gazellen-Beine, dann wollte ich in einer liebevollen Künstlerfamilie aufwachsen. Ich wollte ferne Galaxien bereisen, erleuchtet werden, Cello spielen und mit jemanden wie Mr. Spock verheiratet sein. 

Ich habe wirklich ziemlich lange gebraucht um auf die Idee zu kommen, dass ich ja in dieser Inkarnation zumindest mal anfangen könnte. Auch wenn die Schritte klein sind. 

Malen tue ich schon länger. Seit vier Jahren lebe ich so, dass ich mehr als die Hälfte der Zeit reise oder an anderen Orten lebe. Neu habe ich das Ukulele-Spielen entdeckt und es macht mich happy, jeden Tag ein bisschen zu singen und zu spielen. In meiner Arbeit komme ich mehr und mehr an den Ort, von dem ich schon lange träume: Frausein und die Mehrwertsteuer, Nachhaltigkeit und Listbuilding, Erwachen und Business unter einen einfachen und klaren Hut zu bringen. Und nicht mehr nervös zu kichern, wenn ich darüber spreche, was ich tue und von welcher Welt ich träume.

 

Das habe ich in den letzten Jahren gelernt:

  • Eigentlich kann man immer alles irgendwie lösen. Es sind nur meine Ängste, die Dinge unmöglich erscheinen lassen. 
  • Veränderung fängt damit an, dass ich sie in meiner Vorstellung überhaupt erst mal als für mich möglich und realistisch betrachte. (An dieser Schallmauer schiessen wir die meisten unserer zaghaften Ideen gleich wieder ab. Geht nicht, weil…. Und dann kommen 10 Argumente bevor wir bis drei gezählt haben. Wenn diese Hürde überwunden ist, gehen die Dinge oft erstaunlich einfach voran. Es ist mein innerer Kritiker, der die Grenzen vorgibt und patrouilliert.  
  • Das gleiche Prinzip trifft natürlich auch auf unsere Gesellschaft zu. Solange wir uns nicht vorstellen können, dass etwas machbar ist – Armut beenden, Wasser für alle oder keine Kriege mehr führen (obwohl alles in uns sagt, dass das bestehende System nicht mehr funktioniert) können wir die Lösung oft nicht sehen und beugen uns den Menschen, welche ganz gerne Macht ausüben.
  • Die Gründe, die wir finden warum wir in unserer Stagnation hängen bleiben müssen: zu alt, zu jung, zu arm, zu allein, zu unerfahren, nicht gut genug…sind also nur Schattenfiguren. Die eigentliche Hürde lautet: «Gebe ich mir so viel inneren eigenen Wert, dass ich mir erlaube, den Dingen, die mich begeistern und wirklich erfüllen ernsthaft näher zu kommen?  Und kann ich so sehr ja zu mir sagen, dass ich dabei uncool sein darf, solange es Spass macht?»

Ich hatte eine wunderbare Inspiration zu dem Thema. Vor vielen Jahren, in der kurzen Phase, in der ich das Modelabel hatte, habe ich einige Workshops für Plus Size Frauen organisiert – über Bodyimage, samt Fotosessions und einem Catwalk-Training. Und der Trainer dafür war ein etwas rundlicher, schwuler Typ mit sehr behaarter Brust und grossem Bart. Als ich ihn das erste Mal in Stöckelschuhen, engen T-Shirt und grauer Jogginghose sah, stand mir vermutlich der Mund offen. Das war noch vor Conchita Wurst und hat meine begrenzten Vorstellungen von sexy in wenigen Sekunden zu Staub vermahlen.

Er hat uns seine eigene Geschichte erzählt und dafür werde ich ihm ewig dankbar sein. Er trat als Dragqueen in einer Show auf. Dafür musste er eine ewige Rasierprozedur über sich ergehen lassen, ganzkörperlich. Bis er eines Tages merkte, dass er und seine Haut das nicht mehr mitmachen möchten. Und so stand er vor dem Dilemma, ob er aufhört zu tanzen oder mit vollem Bart und Stöckelschuhen auf die Bühne geht. Er entschied sich für die zweite Lösung. Vor seinem ersten bärtigen Auftritt war er total nervös und wappnete sich, von der Bühne gebuht zu werden.

Und zu seiner absoluten Überraschung und Freude hat er entdeckt, dass es Männer gab, die auf bärtige Dragqueens standen und seinen Auftritt begeistert gefeiert haben. Und nach dieser Erkenntnis und inneren Befreiung hat er dann auch seinen langjährigen Partner zu gefunden.

Eine ganz ähnliche Dynamik fällt mir in meiner Arbeit immer wieder auf. Wir alle haben diese Vorstellungen von uns, wie wir zu sein haben, damit andere uns mit unserer Arbeit gut finden. Wenn wir jedoch mit eingezogenem Bauch oder nur perfekt rasiert arbeiten, legen wir einen energetischen Schleier um uns herum.

Wir sitzen quasi in unserem eigenen Burgwall, der aus der Angst besteht, nicht zu genügen, nicht cool genug, klug genug oder schön genug zu sein. Und wenn wir reden, schreiben, Angebote machen, Texte schreiben, sprechen wir vor allem in unseren eigenen Burgwall hinein. Unsere Aufmerksamkeit ist ganz bei unserem inneren Kritiker aber nicht wirklich mit den Menschen, die wir erreichen wollen. Und sehr wenig von unserer Begeisterung und Liebe, von unserem Know-How kann durch diese Schutzhülle wirklich durchdringen. Das was raus darf ist extrem editiert, vorsichtig, weichgewaschen und wen wundert’s, irgendwie leblos. Und das versuchen wir dann durch kluges Marketing zu maskieren. 

Immer wieder höre ich die Empfehlung von Coaches etwas Persönliches oder Schräges über sich selbst auf der Homepage sichtbar zu machen. Und als Ergebnis stehen da dann so Sätze wie: «Bei guter Schokolade werde ich schwach und ich stehe auf Game of Thrones…»

Das ist so aufregend wie der Börsenkurs von vor 14 Monaten. Aber das eigentliche Drama ist viel grösser. Solange wir hinter unserer Burgmauer sitzen halten wir in der Regel das, wofür wir wirklich hier sind auf der Erde, zurück. Das bedeutet quasi jedesmal, wenn wir am Schreibtisch sitzen, erstmal eine Tube Enthaarungscreme einwirken zu lassen, damit die anderen nicht erschrecken, wenn sie uns sehen. 

«Ne, das müssen wir aus dem Text streichen. Das kann ich doch niemanden erzählen, dass ich mit Elfen rede, kosmische Energiemuster sehe oder eine Zeitreisende bin. Die halten mich doch alle für gaga…» Das muss hinter der Burgmauer bleiben. Aber damit wird dieses Wissen auch nicht abrufbar für die Menschen, die es brauchen. Wir können nicht von denjenigen gefunden werden, die uns suchen. 

Für heute habe ich eine kleine Übung für dich. Nimm einen Text, den du geschrieben hast, deine "über dich" Seite zum Beispiel. Such dir einen ruhigen Platz und les den Text laut für dich vor. Lass dich beobachten, ob du dir und deinen Worten erlaubst, wirklich aus dem eigenen Sicherheitskreis zu treten. Stell dir vor, deine Worte und Texte sind deine Brieftauben. Schau ihnen einfach ein bisschen zu wie weit sie fliegen dürfen und ob du sie wirklich geschrieben hast, damit sie die Welt erreichen. 

Bleib wachsam dafür, ob dein innerer Kritiker die Show übernimmt und versucht dich zu Kleinholz zu zerraspeln. Das Ganze darf und soll Spass machen – und dir vor allem mehr Klarheit bringen.

Geschrieben 18. April 2017